Leptophrys vorax  original description by Cienkowski, 1865

 

Cienkowski Leptophrys vorax

Composition of the original drawings of Cienkowski, with new but original numbers:

 

14: reticulum
15-16: Verdauungscysten with diatoms
17: two individuals leave the cyst.

 

In meiner früheren Arbeit über Monaden habe ich bei Vampyrella zweierlei Cysten unterschieden. In die erste hüllt sich die mit fremden Körpern beladene Vampyrella ein, um die Nahrung zu verdauen und dann sich durch Teilung zu vermehren. Ich nannte diese Cyste: Zelle; es wäre vielleicht geeigneter sie mit dem Namen Verdauungscyste zu belegen. Die zweite Cystenart baut sich die Vampyrella, wenn sie in Ruhezustand übergeht; dabei entledigt sie sich zuerst der fremden Körper, worauf sie 2—3 Hüllen ausscheidet, von welchen die innere oft stachelige Oberfläche zeigt. Bei grossen Exemplaren werden innerhalb der Membranen mehrere Cysten angetroffen.
Die Forscher, die sich seitdem mit Vampyrellen befassten, Häckel, Hertwig und Lesser fanden nur die Verdauungscysten. Die letztgenannten Beobachter bezweifeln selbst, ob ein prinzipieller Unterschied zwischen dem Ruhe- und Zellenzustand existiert und neigen sich zu der Ansicht, dass beide Encystierungen regellos, bald mit, bald ohne Teilungen ihres Inhalts verlaufen.
Die von mir angegebenen Unterschiede sind so leicht in hängendem Tropfen zu beobachten, kehren mit solcher Beständigkeit und Regelmäßigkeit wieder, dass ich nach wiederholter Untersuchung zu dem früher Gesagten nichts hinzuzufügen weiß. Ich erlaube mir nur darauf aufmerksam zu machen, dass der Unterschied zwischen der Verdauungs- und Ruhecyste in anderen Fällen noch viel schärfer als bei Vampyrella hervortritt. So ist z. B. bei Protomonas amyli (Häckel) die Wand der Verdauungscyste glatt, ihr Inhalt schließt die Nahrung ein. Beim Übergange in den Ruhezustand dagegen erscheinen an der Wand äußere Anhängsel und innere keilförmige Vorsprünge. Die eigentliche Cyste liegt erst in dieser Blase eingeschlossen, neben ihr das unverdaute Stärkekorn.

Noch einige die V. vorax betreffende Bemerkungen mögen hier am geeignetsten Platz finden.
Hertwig und Lesser haben neulich ein neues Genus, Leptophrys, für farblose oder schwach braun tingierte vampyrellenartige Gebilde aufgestellt und zwei Species : L. cinerascens und L. elegans unterschieden. Durch Beschaffenheit des Körpers, durch die Art der Bewegung hält die Leptophrys die Mitte zwischen Vampyrella und Nuclearia. Mit der letzten hat sie die schaumartige Konsistenz des Körpers, die Anwesenheit mehrerer Zellkerne gemeinschaftlich; das Zerfließen des Körpers in zahlreiche Lappen ist dagegen wie bei Vampyrella, Die Zellkerne waren von Hertwig und Lesser nur bei L. elegans einmal direkt beobachtet, bei L. cinerascens bloß wahrscheinlich gemacht. Ich werde hier nur die letzte besprechen, die L. elegans, die ich bis jetzt nicht auffinden konnte, außer Acht
lassend.
Die Schilderung und Abbildung, die Hertwig und Lesser von der L. cinerascens geben, rufen das Bild einer Vampyrella so lebhaft hervor, dass ich den Verdacht, den auch genannte Autoren aussprachen, beide Bildungen wären identisch, nicht von der Hand weisen konnte. Denn in der Tat, ihr Hauptcharakter ist das schaumige Aussehen des Körpers, sonst hat sie alle Eigenschaften einer Vampyrella und zwar der V. vorax, von welcher sie sich bloß durch die graurötliche Färbung unterscheidet.
Um den von mir vermuteten Zusammenhang der L. cinerascens mit V. vorax näher zu prüfen, unterwarf ich die letzte einer wiederholten Untersuchung in der Absicht über folgende zwei Punkte Aufschluss zu erhalten: erstens ist die Farbe der V. vorax beständigoder sind in dieser Hinsicht bedeutende Unterschiede zulässig, zweitens kann ihr Körper, welcher gewöhnlich keine Vakuolen enthält, eine schaumige Konsistenz annehmen.
Was die erste Frage betrifft, so lagen bekannte Tatsachen vor, die eine bejahende Antwort erwarten ließen. Untersucht man Verdauungscysten der V. vorax, zumal wenn sie sich zwischen Diatomaceen aufhält, so findet man nicht selten rote, braune und weiße Cysten, die sich sonst durch gar nichts unterscheiden, nebeneinander. Bei allen stimmt die nach den Umrissen der Nahrungsballen sich raodellirende Form der Verdauungscyste, die Beschaffenheit ihres Inhaltes überein; aus allen brechen die 2-4 Teilstücke hervor.
Die befreiten jungen Vampyrellen sind bis auf die Farbe in allen Stücken gleich: die von weissen Cysten stammenden sind farblos, die braunen geben graubräunliche, die roten endlich ziegelfarbige Individuen.
Fragen wir jetzt, sind diese Farbendifferenzen genügend, um die V. vorax in drei Species oder drei Varietäten zu spalten, oder ist es nicht richtiger, die Färbung des Inhalts von der Nahrung abzuleiten?
Ich habe schon in meiner ersten Arbeit darauf hingewiesen, dass, wenn die V. vorax  Desmidiaceen, Euglenen u. dgl. verschluckt, sie lebhafter gefärbte Amöben hervorbringt als die, die auf Diatomaceen angewiesen war. Diese Tatsache beweist schon, dass die rote Färbung der V. vorax keine beständige ist. Demnach kann man mit großer Wahrscheinlichkeit vermuten, dass, wenn man die weiße V. vorax mit chlorophyllhaltigen Algen füttert, man rote Individuen erzieht und wiederum aus den letzten, bei ausschließlicher Zufuhr von Diatomaceen die weiße erhält. Obwohl diese Voraussetzung bis jetzt noch nicht faktisch begründet wurde, so sind wir doch durch die oben angeführte direkte Beobachtung schon berechtigt, eine Abhängigkeit der Farbennuangen der V. vorax von der Nahrung anzunehmen. — Ich stehe daher nicht an, die weißen, braunen und roten Cysten derselben V. vorax zuzuschreiben.
Prüfen wir jetzt an derselben Vampyrella die zweite Eigenschaft der Leptophrys cinerascens, den Vakuolenreichtum. Bei meiner früheren Untersuchung habe ich diesen Punkt nicht berührt, weil ich nur nach kontraktilen Räumen aufmerksam suchte, die gewöhnlichen Vakuolen, wo sie nicht konstant oder häufig auftreten, ganz außer Acht lassend.
Die Erfahrung lehrt, dass der Körper der Vampyrella vorax mitunter durch und durch von Vakuolen durchzogen erscheint. Am schönsten sieht man das schaumartige Aussehen im Zellenzustande.
Unter einer starken Vergrößerung betrachtet, zeigen die Verdauungscysten einen an Vakuolen so reichen Inhalt, dass er fast ausschließlich aus sich berührenden Räumen besteht, zwischen welchen man nur sehr wenig feinkörniges Protoplasma wahrnimmt (Fig. 16). Diese Beschaffenheit behält selbst der geteilte Inhalt auch während des Austretens aus der Cyste bei (Fig. 17). Die jungen, aus ihrer Zelle hervorbrechenden Vampyrellen bestehen aus schaumigem Protoplasma; allein dieser Vakuolenreichtum ist keineswegs konstant; die Hohlräume verschwinden und tauchen eine Zeitlang wechselnd auf, bis sie bei völlig befreiten ausgebildeten Individuen vollständig verschwinden und nur ausnahmsweise wieder entstehen.
Nach dieser Erörterung scheint mir in hohem Grade wahrscheinlich, dass die Leptophrys cinerascens (H. und L.) mit Vampyrella vorax vereinigt werden muss.